IT ist die größte Branche im öffentlichen Vergabemarkt
Wenn es einen Bereich gibt, der den öffentlichen Vergabemarkt in den letzten Jahren prägt, dann ist es die IT. Die Digitalisierung der Verwaltung, das Onlinezugangsgesetz (OZG), Cybersecurity-Anforderungen und die Modernisierung veralteter Fachverfahren erzeugen eine konstant hohe Nachfrage nach IT-Dienstleistungen.
Unsere Auswertung der Marktdaten bei auftrag.ai zeigt: IT, Software & Digitalisierung ist dauerhaft eine der volumensstärksten Branchen im deutschen Vergabemarkt. Und die Dynamik nimmt zu.
Welche IT-Leistungen werden ausgeschrieben?
Die Bandbreite ist enorm. Die häufigsten Leistungsbereiche:
Softwareentwicklung und Individualanwendungen
Behörden brauchen maßgeschneiderte Software – von Fachanwendungen für Baugenehmigungen über Bürgerportale bis zu internen Workflow-Systemen. Die Ausschreibungen sind oft umfangreich und erfordern Erfahrung mit spezifischen Technologien (Java/Jakarta EE, .NET, SAP) sowie mit Barrierefreiheit nach BITV 2.0.
Typische Ausschreibungstitel:
- „Entwicklung und Pflege einer webbasierten Fachanwendung"
- „Weiterentwicklung des Bürgerportals der Stadt X"
- „Rahmenvertrag Softwareentwicklungsleistungen"
Cloud-Services und IT-Infrastruktur
Die Migration in die Cloud ist für viele Behörden Neuland. Gesucht werden Partner für:
- Cloud-Strategie und -Beratung
- Migration bestehender Systeme
- Betrieb und Wartung von Cloud-Infrastrukturen
- Hybrid-Cloud-Architekturen
Besonderheit: Öffentliche Auftraggeber haben strenge Anforderungen an Datensouveränität. Lösungen auf Basis der Deutschen Verwaltungscloud oder souveräner Cloud-Anbieter werden bevorzugt.
IT-Beratung und Projektmanagement
Die OZG-Umsetzung, Registermodernisierung und Verwaltungsdigitalisierung erfordern nicht nur Technik, sondern auch strategische Beratung. Gefragt sind:
- Digitalisierungsberatung
- IT-Architekturberatung
- Anforderungsmanagement
- Projektsteuerung und Qualitätssicherung
Cybersecurity
Mit der wachsenden Digitalisierung steigen die Anforderungen an IT-Sicherheit. Ausschreibungen umfassen:
- Penetrationstests und Sicherheitsaudits
- ISMS-Aufbau und -Betrieb (ISO 27001, BSI IT-Grundschutz)
- Security Operations Center (SOC) als Dienstleistung
- Incident Response und Notfallplanung
IT-Beschaffung (Hardware und Lizenzen)
Neben Dienstleistungen werden regelmäßig ausgeschrieben:
- Arbeitsplatzausstattung (PCs, Notebooks, Monitore)
- Netzwerkinfrastruktur (Switches, Firewalls, WLAN)
- Softwarelizenzen (Microsoft, SAP, Fachverfahren)
- Drucksysteme und Multifunktionsgeräte
Wo liegen die Aufträge?
Bund
Bundesbehörden vergeben große Rahmenverträge, oft über 4 Jahre mit Verlängerungsoption. Das ITZBund (Informationstechnikzentrum Bund) ist einer der größten IT-Auftraggeber in Deutschland. Die Verfahren sind formalisiert, die Anforderungen an Eignungsnachweise hoch.
Einstiegshürde: Mittel bis hoch. Umsatzanforderungen, Referenzprojekte in vergleichbarer Größenordnung und Sicherheitsüberprüfungen sind Standard.
Länder
Die Landes-IT-Dienstleister (Dataport, ITDZ Berlin, IT.NRW, BayernIT etc.) vergeben regelmäßig IT-Aufträge. Die Verfahren sind etwas zugänglicher als auf Bundesebene, aber ebenfalls anspruchsvoll.
Einstiegshürde: Mittel. Landesspezifische Vergabeplattformen beachten.
Kommunen
Der spannendste Markt für kleinere IT-Dienstleister. Kommunen haben enormen Digitalisierungsbedarf, oft kleinere Budgets und weniger formalisierte Verfahren. Seit 2026 ermöglichen die erhöhten Wertgrenzen für vereinfachte Vergaben (freihändige Vergabe bis 100.000 € netto) schnellere Beauftragungen.
Einstiegshürde: Niedrig bis mittel. Regionale Nähe und Referenzen bei vergleichbaren Kommunen sind oft wichtiger als Unternehmensgröße.
Erfolgsfaktoren für IT-Dienstleister
1. Rahmenverträge als Umsatzbasis
Rahmenverträge bieten planbare Umsätze über mehrere Jahre. Der Aufwand für das Angebot ist hoch, aber die Amortisation ist es auch. Positionieren Sie sich bei den großen Rahmenvertragsausschreibungen des Bundes und der Länder – auch als Nachunternehmer in einer Bietergemeinschaft.
2. Spezialisierung sichtbar machen
Öffentliche Auftraggeber bewerten Referenzen sehr spezifisch. Eine Referenz über „ein Portal für eine Bundesbehörde" ist wertvoller als zehn Referenzen über Websites für mittelständische Unternehmen. Sammeln und dokumentieren Sie öffentliche Referenzen sorgfältig.
3. Vergaberechtliche Kompetenz aufbauen
IT-Dienstleister, die das Vergaberecht verstehen, schreiben bessere Angebote. Sie wissen, worauf es bei Eignungsnachweisen ankommt, wie Bewertungsmatrizen funktionieren und wo Spielraum für Nebenangebote besteht. Das ist kein Hexenwerk, aber es erfordert Einarbeitung.
4. Konsortien und Bietergemeinschaften nutzen
Große IT-Vergaben erfordern oft Kompetenzen, die ein einzelnes Unternehmen nicht abdeckt. Bietergemeinschaften mit komplementären Partnern erhöhen die Chancen – vorausgesetzt, die Zusammenarbeit ist gut eingespielt und die Aufgabenteilung klar.
5. Frühzeitig auf Ausschreibungen aufmerksam werden
Im IT-Bereich sind Angebotsfristen oft knapp bemessen, während die Konzepterstellung aufwändig ist. Wer eine Ausschreibung erst eine Woche nach Veröffentlichung entdeckt, hat bei komplexen Verfahren kaum noch Zeit für ein gutes Angebot.
Markttrends 2026
KI in der Verwaltung
Generative KI hält Einzug in die öffentliche Verwaltung. Erste Ausschreibungen für KI-gestützte Assistenzsysteme, automatisierte Dokumentenverarbeitung und intelligente Chatbots sind bereits sichtbar. Dieser Trend wird sich 2026 und 2027 deutlich verstärken.
Open Source gewinnt an Bedeutung
Die Abhängigkeit von einzelnen Softwareherstellern ist ein politisches Thema. Immer mehr Auftraggeber fordern Open-Source-Lösungen oder zumindest offene Schnittstellen. Unternehmen mit Open-Source-Kompetenz haben einen wachsenden Vorteil.
Barrierefreiheit wird Pflicht
Ab Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Öffentliche Auftraggeber müssen bei IT-Beschaffungen die BITV 2.0 und EN 301 549 einhalten. Für IT-Dienstleister bedeutet das: Barrierefreiheit ist kein Zusatzfeature, sondern eine Grundanforderung.
Nachhaltigkeit in der IT-Beschaffung
Green IT und nachhaltige Beschaffung sind keine Randthemen mehr. Energieeffizienz von Rechenzentren, Lebenszykluskosten von Hardware und CO₂-Bilanzen von Cloud-Services fließen zunehmend in die Zuschlagsbewertung ein.
Einstieg in den öffentlichen IT-Markt
Wenn Sie als IT-Dienstleister bisher keine oder wenige öffentliche Aufträge bearbeitet haben, empfehlen wir folgenden Einstieg:
- Kommunale Aufträge als Startpunkt – niedrigere Einstiegshürden, kürzere Verfahren
- Nachunternehmerschaft bei einem erfahrenen Generalunternehmer – Erfahrung sammeln ohne Verfahrensrisiko
- Eignung aufbauen: ISO 27001, vergleichbare Referenzen, Sicherheitsüberprüfungen
- Vergabeportale systematisch überwachen – oder automatisieren lassen
Der öffentliche IT-Markt ist groß, wachsend und für spezialisierte Dienstleister gut zugänglich. Die Herausforderung liegt nicht im Markt selbst, sondern darin, die richtigen Ausschreibungen rechtzeitig zu finden und die Anforderungen vollständig zu erfüllen.
Bei auftrag.ai können Sie ein Branchenprofil für IT-Dienstleistungen anlegen und erhalten täglich die relevantesten Ausschreibungen – gefiltert nach Ihrem Leistungsspektrum, Ihrer Region und Ihrem bevorzugten Auftragsvolumen. 30 Tage kostenlos testen.
Die Markteinschätzungen in diesem Artikel basieren auf unserer Analyse öffentlich zugänglicher Vergabedaten. Individuelle Marktchancen hängen von Spezialisierung, Region und Unternehmensgröße ab.